Bericht von der SAV-Veranstaltung „Islam, Frauenrechte und sozialistische Perspektive“ am 5.4.

von Heino Berg

Mit 20 TeilnehmerInnen war die Diskussionsveranstaltung der Göttinger SAV zum Thema Islam und Frauenrechte wieder gut besucht. Darunter auch eine neue Genossin der Bochumer Linksjugend, die vor einigen Tagen nach Göttingen umgezogen ist, einige Mitglieder der LINKEN und viele nicht politisch organisierte Gäste.
Nach einer kurzen Einleitung von Meike Brunken referierte Yannic Dyck zu den Themenschwerpunkten „antimuslimischer Rassismus“, „marxistische Religionskritik“, „Russische Revolution und Islam“ und „Frauenunterdrückung“.

Hier Auszüge aus seinem Vortrag:
„Das Feindbild eines scheinbar reaktionären, antihumanistischen, bedrohlichen Islam ist keine Erfindung von PEGIDA, AfD und irgendwelchen anderen Rechtspopulisten, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Hetze seitens bürgerlicher Medien und Politiker. (…)
Die Herrschenden wollen uns weißmachen, dass die Gründe dafür in einer scheinbaren Integrationsverweigerung oder im Islam zu suchen seien, doch sie verfolgen dabei einzig das Ziel, uns entlang religiöser oder ethnischer Trennlinien zu spalten. Sie selbst sind es nämlich, die staatlichen, institutionellen Rassismus zu verursachen haben, die Muslime als Sündenböcke für die zunehmende soziale Spaltung herhalten lassen, die den Islam immer wieder auf Terror und Rückständigkeit reduzieren und damit die Mehrheitsbevölkerung gegen Muslime aufwiegeln, um ihre eigene Verantwortung an Lohn- und Sozialabbau, sowie wachsender Ausbeutung zu verschleiern und kollektive Proteste der arbeitenden Klasse zu verhindern. (…)
Reaktionäre Fundamentalisten wie Pierre Vogel missbrauchen nicht nur die Religion sondern auch die Verunsicherung, die Entfremdung und die Perspektivlosigkeit vom System ausgegrenzter Menschen, die nach einem Halt im Leben suchen. Sie setzen bei den konkreten Problemen sozial ausgegrenzter, religiös und ethnisch diskriminierter Jugendlicher an, bieten vermeintlich einfache Lösungen an und versuchen, die Jugendlichen für ihre reaktionären Ideologien zu gewinnen (…). Zweifellos ist hier auch ein Versagen der Linken auszumachen, die es nicht geschafft hat, auf die Ausgegrenzten und Schwächsten im kapitalistischen Unrechtssystem zuzugehen und mit ihnen gemeinsam für dessen Überwindung zu kämpfen, bevor sie solchen Hassprediger ins Netz gehen (…)
Wir kämpfen nicht gegen Religion, sondern gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die reaktionäre religiöse Auslegungen hervorrufen und stark machen. Gleichzeitig kämpfen wir für die freie Ausübung religiöser Überzeugungen und gegen religiös begründete Diskriminierung. Dabei ist es wichtig, die Menschen, die religiöse Überzeugungen haben in den Kampf einzubeziehen, gemeinsam gegen Rassismus und für soziale Verbesserungen zu kämpfen. Über diesen Kampf können Menschen von der Notwendigkeit der Revolution überzeugt werden, was in einem Prozess zwangsläufig dazu führt, dass religiöse Überzeugungen zurückgehen (…)
Über den Umgang von mit Religion können wir viel aus den Jahren der russischen Revolution und der Theorie und Praxis der Bolschewiki lernen. (…) Die Bolschewiki selbst vertraten eine materialistische und deshalb auch atheistische Analyse. Dennoch kämpften sie für das Recht aller Menschen, ihre Religion (oder auch keine Religion) frei ausüben zu dürfen. Genau das verstanden sie unter der Trennung von Staat und Kirche (…)
Der Kapitalismus nutzt das Patriarchat, die Frauendiskriminierung und Reproduktionsarbeit, um seine Ausbeutungsverhältnisse zu legitimieren und die Profite in die Höhe zu treiben. (…) Frauenrechte sind keine logische Konsequenz aus bürgerlichen Ideologien, sondern wurden von der Arbeiter*innen bzw. Frauenbewegung erkämpft. Trotzdem haben Frauen auch heute noch eine deutlich geringere Chance auf verhältnismäßig gut bezahlte Berufe; sie verdienen für dieselbe Arbeit im Schnitt erheblich weniger als ihre männlichen Kollegen und sind bevorzugt in meist unterdurchschnittlich bezahlten Berufsfeldern tätig, die mit weiblichen Geschlechterstereotypen zusammenpassen (…)
Die Kämpfe gegen Geschlechterdiskriminierung (ob christlich, muslimisch, biologisch oder sonst wie begründet) und religiöse Unterdrückung sind untrennbar miteinander verbunden. Sie können nicht gegeneinander geführt werden, sondern nur gegen die gemeinsame Wurzel: Die Herrschaft einer kleinen reichen Minderheit über die Mehrheit der Bevölkerung.“

Daraus entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Rolle der von Religion und Rassismus bei der Stabilisierung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und über die Forderung nach einer strikten Trennung von Staat und Kirche.

Am 14.4. findet auf Initiative der Göttinger Linksjugend und des Kreisverbandes eine öffentliche Veranstaltung zum Thema „Linke Bündnisse gegen die AfD und die Rechte“ statt, wo ein Mitglied des Netzwerks Marx 21 aus Berlin und Yannic für die SAV in Göttingen ihre unterschiedlichen Standpunkte über die Zusammenarbeit mit SPD und Gewerkschaften erläutern werden. Hierzu veröffentlichten die Göttinger SAV-Mitglieder Yannic Dyck und Heino Berg bereits einen längeren Hintergrundartikel im neuen deutschland, der hier nachzulesen ist.

Das Thema der nächsten öffentlichen SAV-Veranstaltung am 19.4., um 18 Uhr im Weltladen-Cafe, Nikolaistr. ist voraussichtlich . „Krieg, Terror und Hass – Gibt es einen Ausweg aus diesem Teufelskreis?“.